Schöne neue Welt - Nur auf der Messe

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Meine schwere Handtasche sowie die Stofftasche mit den Unterlagen plumpsen auf einen U-Bahn-Sitz. Ich hinterher auf den Sitz daneben. Einen Vierersitz neben mir verfährt ein Mann ähnlich mit zwei dünneren Aktentaschen. Wir sind in Frankfurt, Buchmessedonnerstag, halb elf, in unserem U-Bahn-Waggon streunen außer uns noch zwei andere Passagiere herum. Wir halten, die Türen ruckeln auf, eine Dame in einem sehr bunten Aufzug betritt die Szene. Sie wendet sich an den Mann neben mir und fragt freundlich, ob sie da hinsitzen dürfe, wo seine Tasche liegt. Etwas perplex, aber nicht willens, sich auf weitere Diskussionen einzulassen, räumt der Mann seine Taschen auf den Sitz gegenüber, sodass sie Platz nehmen kann. Mit überaus geradem Rücken lässt sie sich nieder, als sei das kein U-Bahn-Sitz, sondern ein Thron.

Fünf Sekunden vergehen, in denen ich drauf und dran bin, die Schrulligkeit zu vergessen und mich darauf zu konzentrieren, was ich während meines Termins sagen muss. Doch die Dame sitzt nicht umsonst auf einem Thron - sie beginnt zu deklamieren: "Die Sitze sind nämlich für die Menschen da, nicht für die Sachen." Ich kriege den Originalton nicht mehr hin, weil sie das auf Russisch macht und ich von Glück sagen kann, dass ich mitkomme. Katharina II. ist zurück.

Wir warten, ob fünf Sekunden später die nächste Eskalationsstufe kommt. Zehn. Zwanzig. Nach wenigen Minuten steigt sie einfach aus.

Und ich weitere Minuten später auch. Ich überlege mir dabei, ob ich den einzigen sinnvollen Satz anbringen hätte sollen, der mir für öffentliche Verkehrsmittel aus dem Russischunterricht blieb: "Katzen dürfen nicht mitfahren!" Im Original-Tonfall der Meister-und-Margarita-Verfilmung: Die Schaffnerin der 20er-Jahre dort war nämlich noch herrischer als Katharina II.

Ob die Kommunistin die Kaiserin wohl kleingekriegt hätte?