Zeitreisen im 21. Jahrhundert

See mit Bäumen
Baum von der Seite

Was war das Mittelalter nicht attraktiv. Aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts speiste sich das Faszinosum vermutlich aus der Naturverbundenheit und der fehlenden Komplexität des Lebens. In Zeiten ständiger Handy-Erreichbarkeit wollten viele einfach nur abschalten.

So kam es im Jahr 2084, dass ein eifriger Erfinder zunächst einen mittelalterlichen Hühnerstall baute. Glückliche mittelalte Hühner lebten dort, eine wahre Pracht. Dann kam ein Lehmofen hinzu, später ein Webstuhl und ein Wohnhaus, wie es auch schon achthundert Jahre zuvor hätte erbaut werden können. Anfangs bewirtschafteten das Areal experimentelle Archäologen und Handwerker auf der Suche nach einfachen, aber effektiven Baumethoden, die aber alle abends wieder in ihren neuzeitlichen Behausungen schliefen. Aus allen Ecken des Landes kamen Menschen, das Mittelalter zu bestaunen und Eintritt für diese Anderswelt zu bezahlen.

Zwei Jahre später zogen die ersten Mönche ein: Keine Mönche im eigentlichen Sinne, einem Orden gehörten sie nicht an und keiner war katholisch. Aber sie betrieben ein klösterliches Gästehaus, in dem Urlauber aufgenommen wurden. Einer von ihnen erstellte ein Marketing-Konzept namens "Zeitreise", ein promovierter Historiker stellte sicher, dass innerhalb des Gästehauses alles so war, dass es mit Urkunden aus der Stauferzeit in Einklang stand. Revolutionär daran war, dass sich jeder "Mönch" verpflichtete, ein Jahr lang nur innerhalb des Zeitreisebereichs zu bewegen, nur mit Menschen aus dieser Zeit in Berührung zu kommen, nichts Neuzeitliches zu diskutieren, ja, nicht einmal etwas Neuzeitliches zu denken. Thomas von Aquin war der letzte Schrei.

Bald verzeichnete das Gästehaus regen Zulauf. Immer mehr Menschen kamen auf den Geschmack, Plätze wurden rar und teuer, wer sich Muße und Studium nicht leisten konnte, wurde Arbeiter und baute an der Kathedrale mit. So wuchs die Stadt. Manche blieben länger. Irgendwann gab es Menschen, die mehrere Monate, ja Jahre dort webten, buken, töpferten, drechselten und Bienen hüteten.

Das Städtchen, das den Bau nicht nur genehmigt, sondern auch gefördert hatte, sah sich bald mit dem Problem konfrontiert, dass sie allen Gemeindegrund an die Mittelalterstadt abgegeben hatten und ihre Häuser eine neuzeitliche Enklave in einem Meer von Mittelalter bildeten. Der findige Historiker, der bereits das Zeitreisekonzept aufgelegt hatte, beratschlagte mit dem Bürgermeister und es kam zum Zeitgesinnungsfrieden unter der Überschrift "cuius regio, eius confessio": Alle Bürger des Städtchens bekamen ein Jahr Frist, sich entweder zu assimilieren (wobei die Handwerker der Mittelalterstadt tatkräftig mithalfen) oder von dannen zu ziehen. Vor allem die Fastnachtszünfte, die im Städtchen schon früher alte Traditionen hochgehalten hatten, blieben und bereicherten das Mittelalter um etwas wildere Bräuche als es die "Mönche" gewöhnt waren. Met und Hanf hielten Einzug ebenso wie ein kleines Häuschen, in dem die Zauberkräfte von Belladonna und Kajal erprobt wurden.

Im Jahre 2144, als aus der Stadt ein Dreibund von Städten geworden war und sie bereits einen gesamten Landkreis einnahm, kam es zu einem Zwischenfall: Auf einem Marktplatz begann ein nicht mehr ganz nüchterner Nachtschwärmer zu rezitieren

"I thank whatever gods may be For my unconquerable soul.

I am the master of my fate: I am the captain of my soul."

Die Schergen des Bürgermeisters nahmen ihn fest und er kam als Zwangsinsasse in das Kloster, wo er sich dem Studium der Gedichte Walthers von der Vogelweide widmen musste. Das Volk jubelte, eine Euphorie für das mittelalterliche Liedgut brach aus. Auch im Rest Deutschlands blieb dies nicht unbemerkt und Wolfram von Eschenbach stand ein Jahr lang an der Spitze der Bestsellerliste. An den Universitäten des deutschsprachigen Raums wurden die Lehrstühle für Mediävistik speziell vom Mittelalterlandkreis so gefördert, dass sehr gute Abiturienten sich vor der Wahl sahen, Arzt, Jurist oder Mediävist zu werden. Diese drei versprachen ein gleich sicheres Auskommen, Ansehen und tiefe Einsichten.

Ab diese Zeitpunkt führte Deutschland die allgemeine Zeitreisepflicht ein: Obwohl es mit hohen Kosten verbunden war, ein Jahr im Mittelalter zu verbringen, galt man schon länger als rückständig, wenn man es nicht getan hatte. Nun bestand für alle 18-Jährigen die Pflicht, ein Jahr lang entweder an Kirchenbauten mitzuhelfen oder karitative Dienste zu leisten. Einige kamen nie wieder zurück und so nahm das Gebiet der Zeitreisenden die Fläche von Niedersachsen ein.

Im Jahr 2184 fand eine große Volksabstimmung in Deutschland statt - und mit überwältigender Mehrheit wurde das Grundgesetz abgeschafft und Friedrich IV. zum neuen Herrscher des "Heiligen Reiches" gewählt. Seine erste Amtshandlung war, der EU die Mitgliedschaft zu kündigen - wobei das mehr ein formaler Akt war: In Frankreich war eine ähnliche Euphorie ausgebrochen, allerdings für die Zeit Karls des Großen und unter dem Namen "Royaume des Francs".

Gemeinsam mit Großbritannien, das sich die Zeit Wilhelms des Eroberers erkoren hatte, gründete man eine Heilige Allianz und empfing in Aachen - dem Zentrum der Allianz - einen päpstlichen Nuntius. Dort wurde die Idee geboren, die verwaisten neuzeitlichen Städte als Steinbruch zu verwenden. So landeten Stahlstreben des Eiffelturms als Bauschutt in einer neuen Kathedrale von Reims, das Brandenburger Tor wurde zu einer neuen Kaiserpfalz bei Aachen und das British Museum wurde zu einem Dorf rund um Stonehenge, wo eine Sekte von Druiden sich die Steinkreise gesichert hatte.

Wo es früher um den Haushalt des Euro in der Europäischen Union gegangen war, diskutierten die Repräsentanten der Heiligen Allianz nun, ob es statthaft sei, Erfindungen, die in Deutschland legal waren, nach Frankreich einzuführen oder nicht.

Im Jahr 2284 wütete ein Mob in den Bibliotheken: In Cambridge, Oxford, Paris, Münster, Marburg und Göttingen verbrannten wütende Horden alle Bücher, die nach 1300 publiziert worden waren. Digitalisate spielten keine Rolle mehr, da Computer, Tablets, Handys schon seit Jahren in Europa verboten waren. Wo diese sang- und klanglos die Erde verließen, dienten jene für ein paar Minuten einem Freudenfeuer.

Mittlerweile war auch die gesamte Welt vom Mittelalter-Fieber erfasst, die Bewohner Amerikas standen vor der Wahl, entweder eine traditionell indianische Lebensweise anzunehmen oder zurück nach Europa zu reisen. Wo man am Anfang gedacht hatte, dass das zu einem Bevölkerungsproblem werden könnte, stellte sich das Gegenteil heraus: Viele entschieden sich für ein Leben unter dem freien Himmel der Prärie, außerdem hatte in Europa die Pest gewütet - und obendrein sanken einige der Schiffe irgendwo zwischen Fuerteventura und Gibraltar.

Bis ins Jahr 2384 bestand das "Büro der zu verbietenden Erfindungen": Sollte jemand den Buchdruck erfinden, würde dieser Besuch eines Ministerialen erhalten, der ihm unter Androhung gewisser Strafen nahelegte, seine neue Arbeitserleichterung besser nicht publik zu machen.

Ein Jahr später war dies nicht mehr nötig: In einer schönen Stadt, deren Name übersetzt "friedlich" hieß, hatte ein Trupp von Bergarbeitern versehentlich einen Atomwaffenstützpunkt aus dem Kalten Krieg gefunden und ihn - in aller analphabetischen Unschuld - gezündet. Die Bomben fielen auf New York (zu diesem Zeitpunkt eine Zeltstadt der Powhatan), auf Paris, Tokio und auf London. Der nukleare Fallout machte das Leben in der nördlichen Hemisphäre unmöglich - einzig im australischen Busch, in den Ländern südlich der Sahara und in Patagonien hatten Menschen überlebt, die weitgehend wie in der frühen Bronzezeit lebten.

Ohne das Büro der zu verbietenden Erfindungen, ohne großen Ballast entwickelte sich die Menschheit ganz normal weiter.

Wer weiß schon, ob das Zukunft oder Vergangenheit ist?